Die unbekannte Tabuerkrankung Acne inversa

Interview mit Dr. Antonia Wiala (Teil 1/3)

Nach wie vor zählt Acne inversa zu einer noch wenig bekannten Hauterkrankung, die häufig stigmatisiert wird. Umso wichtiger sind die laufende Aufklärung und das Engagement der Dermatologen, Patienten mit dieser sehr schmerzhaften Hauterkrankung zu helfen. Das Ärzteteam an der Acne inversa Spezialambulanz an der Rudolfstiftung hat sich dieser Aufgabe voll und ganz verschrieben.

Dr. Antonia Wiala von der Abteilung für Dermatologie an der Rudolfstiftung war als Expertin zu Gast beim letzten Acne inversa Gesprächsnachmittag. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Theresa Stockinger betreut sie die Acne inversa Spezialambulanz an der Rudolfstiftung. Mindestens zweimal im Monat bietet die Spezialambulanz Termine für Betroffene mit leichten wie auch schwereren Krankheitsverläufen an.

Im Interview mit AI ONLINE spricht die engagierte Ärztin über die schmerzhaften Hautveränderungen und was man selbst für ein besseres Leben mit Acne inversa tun kann.

Acne inversa (auch Hidradenitis suppurativa genannt) ist nicht zu verwechseln mit der gewöhnlichen Akne. Wo liegt der Unterschied?

Dr. Wiala: Die Hidradenitis suppurativa ist auch unter dem Namen Acne inversa bekannt. Trotz des ähnlichen Namens unterscheiden sich die beiden Erkrankungen grundlegend. Der Name Acne inversa beschreibt, dass die Erkrankung an „inversen Körperarealen“ auftritt, also überall dort, wo die Haut in Falten liegt wie zum Beispiel in den Achseln, der Leistengegend oder im Genital- bzw. Analbereich. Die Acne inversa ist eine chronisch entzündliche Erkrankung, die über die Jahre immer wieder auftreten kann (in der Fachsprache auch rezidivierend genannt). Im Gegensatz dazu findet man die gewöhnliche Akne (auch Acne vulgaris genannt) typischer Weise so gut wie ausschließlich bei Patienten in der Pubertät und an Stellen wie der Gesichtshaut und den Schultern. 

Was steckt hinter einer Acne inversa? Was ist die Ursache oder der Auslöser?

Dr. Wiala: Die Ursache für die Erkrankung ist noch immer unklar. Vermutet wird, dass sich der Haarfollikel, also der Ort an dem die Haarwurzel sitzt und in welchen die Talgdrüsen münden, verschließt, und so der Talg nicht mehr abfließen kann. Schließlich kommt es zum Platzen des Haarfollikels und dadurch zur Entzündung des umliegenden Gewebes. Es ist erwiesen, dass bestimmte Risikofaktoren die Erkrankung begünstigen. Rauchen und Reibung, wie sie bei Übergewicht verstärkt vorkommt, können den Verschluss des Haarfollikels fördern, wodurch Entzündungen begünstigt werden. Ebenso beobachten wir, dass die Erkrankung in einigen Familien gehäuft auftritt, was eine genetische Ursache vermuten lässt.

Welche konkreten Anzeichen deuten auf eine Acne inversa hin und sollten beim Hautarzt abgeklärt werden?

Dr. Wiala: Es gibt drei verschiedene Arten von charakteristischen Hautveränderungen, die auf eine Acne inversa hinweisen: Typisch sind entzündliche Knoten, die klein und rot sind. Wenn sich diese mit einem eitrigen Sekret füllen, können sich Abszesse bilden. Spürbar sind dann deutliche Schwellungen unter der Haut, die sehr schmerzhaft sind. Diese können immer wieder aufplatzen, eitrige Flüssigkeit (Sekret) entleeren und dabei einen unangenehmen Geruch verströmen. Je länger die Erkrankung besteht und voranschreitet, desto eher kommt es auch zur Bildung von Fistelgängen. Diese kann man sich als Tunnelsystem unter der Haut vorstellen, wobei es zumindest eine Öffnung zur Haut gibt. Die Wände dieser Tunnel sind der oberflächlichen Haut sehr ähnlich, weshalb die Tunnel meist nie mehr von selbst verheilen.

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Was können Betroffene von sich aus tun, um der Acne inversa aktiv zu begegnen?

Dr. Wiala: Am Anfang jeder Therapie steht die Anpassung des Lebensstils, um die Risikofaktoren zu minimieren. Diese Maßnahmen sind oft mühsam, haben aber langfristig einen positiven Effekt auf den Verlauf der Erkrankung. Es ist grundlegend, dass die Patienten hier ambitioniert und motiviert sind, Lebensstilveränderungen vorzunehmen: Zum einen sollte der Zigarettenkonsum gestoppt oder zumindest deutlich reduziert werden. Das fällt oft schwer, weshalb man kleine Schritte setzen sollte um ans Ziel zu gelangen. Da man den positiven Effekt des Nichtrauchens erst sehr spät bemerken kann, fällt diese Umstellung vielen Patienten besonders schwer. Weil Acne inversa eine chronische Erkrankung ist, die Patienten oft viele Jahre beschäftigt, zahlen sich die Strapazen einer Raucherentwöhnung aber langfristig aus. Hierfür gibt es bereits wissenschaftliche Beweise.

Wie verhält es sich mit dem Gewicht? Auf was ist noch Rücksicht zu nehmen?

Dr. Wiala: Bei übergewichtigen Acne inversa Patienten kann sich bereits der Verlust von ein paar Kilos positiv auf den Verlauf der Hauterkrankung auswirken. Eine Gewichtsabnahme von nur fünf Kilo kann dabei schon eine Menge bewirken. Wichtig ist, sich realistische Ziele zu setzen und dranzubleiben. Im Übrigen kann auch das Rasieren die entzündliche Aktivität der Acne inversa begünstigen: Rasierklingen verursachen winzige Risse und Schnitte in der Haut wodurch Bakterien die Hautbarriere leichter überwinden können und es vermehrt zu Entzündungen kommt. Der Verzicht auf die Rasur fällt vor allem den Damen gerade im Sommer schwer. Da dieser Effekt aber bereits wissenschaftlich bestätigt wurde, zahlt sich ein Verzicht in den meisten Fällen aus. Zu guter Letzt empfehle ich weite, luftige Kleidung aus natürlichen Stoffen wie Baumwolle oder Leinen, zu tragen, um die Reibung und das Schwitzen zu reduzieren. Denn überall wo Reibung entsteht, wird die Entzündung begünstigt.

 

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