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Fragen an Acne inversa-Expertin                    Dr. Antonia Wiala

Dr. Antonia Wiala ist im Wiener Krankenhaus "Rudolfstiftung" in der Abteilung für Dermatologie und Venerologie tätig. Dort zeichnet sich die engagierte Ärztin durch fachliches Know-How und viel Erfahrung im Bereich Acne inversa aus.
Im Interview spricht sie über Ursachen, Symptome, Behandlung und einiges mehr. Lesen Sie hier nach!

Acne inversa (auch Hidradenitis suppurativa genannt) ist nicht zu verwechseln mit der gewöhnlichen Akne. Wo liegt der Unterschied?

Dr. Wiala: Die Hidradenitis suppurativa ist auch unter dem Namen Acne inversa bekannt. Trotz des ähnlichen Namens unterscheiden sich die beiden Erkrankungen grundlegend. Der Name Acne inversa beschreibt, dass die Erkrankung an „inversen Körperarealen“ auftritt, also überall dort, wo die Haut in Falten liegt wie zum Beispiel in den Achseln, der Leistengegend oder im Genital- bzw. Analbereich. Die Acne inversa ist eine chronisch entzündliche Erkrankung, die über die Jahre immer wieder auftreten kann (in der Fachsprache auch rezidivierend genannt). Im Gegensatz dazu findet man die gewöhnliche Akne (auch Acne vulgaris genannt) typischer Weise so gut wie ausschließlich bei Patienten in der Pubertät und an Stellen wie der Gesichtshaut und den Schultern.

Was steckt hinter einer Acne inversa? Was ist die Ursache oder der Auslöser?

Dr. Wiala: Die Ursache für die Erkrankung ist noch immer unklar. Vermutet wird, dass sich der Haarfollikel, also der Ort an dem die Haarwurzel sitzt und in welchen die Talgdrüsen münden, verschließt, und so der Talg nicht mehr abfließen kann. Schließlich kommt es zum Platzen des Haarfollikels und dadurch zur Entzündung des umliegenden Gewebes. Es ist erwiesen, dass bestimmte Risikofaktoren die Erkrankung begünstigen. Rauchen und Reibung, wie sie bei Übergewicht verstärkt vorkommt, können den Verschluss des Haarfollikels fördern, wodurch Entzündungen begünstigt werden. Ebenso beobachten wir, dass die Erkrankung in einigen Familien gehäuft auftritt, was eine genetische Ursache vermuten lässt.

Welche konkreten Anzeichen deuten auf eine Acne inversa hin und sollten beim Hautarzt abgeklärt werden?

Dr. Wiala: Es gibt drei verschiedene Arten von charakteristischen Hautveränderungen, die auf eine Acne inversa hinweisen: Typisch sind entzündliche Knoten, die klein und rot sind. Wenn sich diese mit einem eitrigen Sekret füllen, können sich Abszesse bilden. Spürbar sind dann deutliche Schwellungen unter der Haut, die sehr schmerzhaft sind. Diese können immer wieder aufplatzen, eitrige Flüssigkeit (Sekret) entleeren und dabei einen unangenehmen Geruch verströmen. Je länger die Erkrankung besteht und voranschreitet, desto eher kommt es auch zur Bildung von Fistelgängen. Diese kann man sich als Tunnelsystem unter der Haut vorstellen, wobei es zumindest eine Öffnung zur Haut gibt. Die Wände dieser Tunnel sind der oberflächlichen Haut sehr ähnlich, weshalb die Tunnel meist nie mehr von selbst verheilen.

Was können Betroffene von sich aus tun, um der Acne inversa aktiv zu begegnen?

Dr. Wiala: Am Anfang jeder Therapie steht die Anpassung des Lebensstils, um die Risikofaktoren zu minimieren. Diese Maßnahmen sind oft mühsam, haben aber langfristig einen positiven Effekt auf den Verlauf der Erkrankung. Es ist grundlegend, dass die Patienten hier ambitioniert und motiviert sind, Lebensstilveränderungen vorzunehmen: Zum einen sollte der Zigarettenkonsum gestoppt oder zumindest deutlich reduziert werden. Das fällt oft schwer, weshalb man kleine Schritte setzen sollte um ans Ziel zu gelangen. Da man den positiven Effekt des Nichtrauchens erst sehr spät bemerken kann, fällt diese Umstellung vielen Patienten besonders schwer. Weil Acne inversa eine chronische Erkrankung ist, die Patienten oft viele Jahre beschäftigt, zahlen sich die Strapazen einer Raucherentwöhnung aber langfristig aus. Hierfür gibt es bereits wissenschaftliche Beweise.

Wie verhält es sich mit dem Gewicht? Auf was ist noch Rücksicht zu nehmen?

Dr. Wiala: Bei übergewichtigen Acne inversa Patienten kann sich bereits der Verlust von ein paar Kilos positiv auf den Verlauf der Hauterkrankung auswirken. Eine Gewichtsabnahme von nur fünf Kilo kann dabei schon eine Menge bewirken. Wichtig ist, sich realistische Ziele zu setzen und dranzubleiben. Im Übrigen kann auch das Rasieren die entzündliche Aktivität der Acne inversa begünstigen: Rasierklingen verursachen winzige Risse und Schnitte in der Haut wodurch Bakterien die Hautbarriere leichter überwinden können und es vermehrt zu Entzündungen kommt. Der Verzicht auf die Rasur fällt vor allem den Damen gerade im Sommer schwer. Da dieser Effekt aber bereits wissenschaftlich bestätigt wurde, zahlt sich ein Verzicht in den meisten Fällen aus. Zu guter Letzt empfehle ich weite, luftige Kleidung aus natürlichen Stoffen wie Baumwolle oder Leinen, zu tragen, um die Reibung und das Schwitzen zu reduzieren. Denn überall wo Reibung entsteht, wird die Entzündung begünstigt.

Wie kann eine Acne inversa behandelt werden?

Dr. Wiala: Die Basis jeder Therapie bildet die Reduktion von Risikofaktoren (Übergewicht, Rauchen, Rasur etc.). Bei milden Verläufen mit vereinzelten Knoten oder Abszessen versuchen wir zuerst die bakterielle Besiedelung einzudämmen. Kleine Entzündungen können etwa mit lokalen Antiseptika behandelt werden. Bei stärkeren Formen und wenn sich Abszesse nicht mehr selbst entleeren, können Langzeit-Antibiotika zum Einsatz kommen. Fistelgänge sollten in der Regel operiert werden, da diese „Hauttunnel“ auch unter medikamentöser Therapie nicht mehr von selbst zuheilen. In Fällen von zu viel gesunder Haut zwischen den erkrankten Hautarealen, kann eine Therapie mit einem Biologikum, einem sogenannten TNF-alpha Blocker, die Entzündung eindämmen und Beschwerden nachweislich lindern.

Wie geht man bei Operationen vor, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen?

Dr. Wiala: Durch die Operation soll die Heilung in dem betroffenen Gebiet erzielt werden. Das Aufstechen (Inzision) einzelner Abszesse bringt hingegen nur eine kurzfristige Erleichterung. Ziel der Operation ist das Ausschneiden des gesamten entzündeten Hautareals (in der Fachsprache auch En-bloc-Resektion genannt). Die Wunde kann dann entweder chirurgisch verschlossen werden (Transplantate oder primärer Wundverschluss) oder sie wird im offenen Zustand belassen und verheilt nach und nach von selbst (sekundäre Wundheilung). Nachblutungen und Wundinfekte können auftreten, sind aber in der Regel gut zu behandeln. Kontrakturen sogenannte Bewegungseinschränkungen, können durch zu viel vernarbtes Gewebe entstehen. Laut einer Befragung an der Rudolfstiftung sind die Patienten mit dem optischen und funktionellen Ergebnis aber sehr zufrieden und ein Krankenhaus-Aufenthalt dauert im Schnitt nur eine Woche. Während des stationären Aufenthalts lernt man auch, wie die Wunden schließlich zu Hause versorgt werden sollen.

Wann kommen Biologika als Therapie zum Einsatz?

Dr. Wiala: Bei mittelschweren bis schweren Verläufen können auch Biologika in Form von TNF-alpha-Blockern zum Einsatz kommen. Dabei wird die Entzündung gehemmt, sodass die Patienten im Idealfall keine Beschwerden haben und ihre alltäglichen Dinge uneingeschränkt erledigen können. Biologika greifen in die Immunabwehr ein. Deshalb ist man bei dieser Therapie manchmal anfälliger für bestimmte Infektionen. Vor der Therapieeinleitung werden Untersuchungen durchgeführt, um die Reaktivierung von schlummernden Infekten im Körper auszuschließen. In unseren Beobachtungen ist diese Therapie bisher nebenwirkungsarm. Der TNF-alpha-Blocker wird durch eine Injektion verabreicht, die sich der Patient selbst in den Bauch oder Oberschenkel setzt. Nicht jeder Patient spricht auf die Therapie gleich gut an. Bei gutem Ansprechen auf die Therapie kann sie auf unbestimmte Zeit laufen.

Bei welchen Anzeichen ist es besonders wichtig, wachsam zu sein?

Dr. Wiala: Untersuchungen zeigen, dass Acne inversa in Zusammenhang mit Übergewicht steht. Je stärker das Übergewicht ist, desto schwerer kann die Erkrankung verlaufen. Übergewicht, erhöhte Blutfette, erhöhter Blutzucker (im schlimmsten Fall eine Diabetes mellitus) und Bluthochdruck können zu einem metabolischem Syndrom führen. Diese Faktoren erhöhen das Risiko für eine Herz-Kreislauferkrankung, beispielsweise einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Diesem Risiko können auch Patienten mit Acne inversa ausgesetzt sein. Es ist daher ratsam, die Blutwerte bei regelmäßigen Gesundenuntersuchungen zu kontrollieren und bei Übergewicht bestmöglich ein paar Kilos zu verlieren.

Gibt es noch weitere Anzeichen, die nicht die Haut betreffen, jedoch trotzdem mit einer Acne inversa in Verbindung stehen können?

Dr. Wiala: Ja, beispielsweise zählen chronisch entzündliche Darmerkrankung wie etwa Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa dazu. Kennzeichnend dafür sind chronische Durchfälle (über vier Wochen) und Bauchschmerzen, manchmal auch blutiger Durchfall. Etwa zwei Prozent der Patienten mit Acne inversa können eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung entwickeln. Hier besteht ein eindeutiger Zusammenhang, der auf Entzündungsprozesse im Körper zurückgeführt werden kann. Auch ein Zusammenhang mit wiederkehrenden Gelenksschwellungen und -schmerzen, einer sogenannten Arthritis, ist möglich. Dazu kann es zu entzündlichen Rückenschmerzen kommen; in der Fachsprache auch Spondylitis genannt. Patientinnen mit Acne inversa berichten darüber hinaus häufig von einem Zusammenhang mit dem Hormonhaushalt. In manchen Fällen liegt ein Polyzystisches Ovar Syndrom vor. Häufig wird das Syndrom erst dann entdeckt, wenn Patientinnen nicht schwanger werden können. Kennzeichnend können auch ein männliches Behaarungsmuster oder starke Akne sein. Wenn die oben genannten Anzeichen auftreten, wird der behandelnde Hautarzt auch die entsprechenden Fachärzte hinzuziehen.

Wie wichtig ist es, auf negative Gefühle zu achten und was kann man tun?

Dr. Wiala: Es gibt keine dermatologische Erkrankung an der die Psyche der Patienten so stark leidet wie bei der Acne inversa. Gekoppelt mit dem Unverständnis in der Bevölkerung und vielleicht auch der Ablehnung im Umfeld kann das natürlich auf die Stimmung schlagen. Im schlimmsten Fall kann dies zu Depressionen führen. Soweit soll es aber nicht kommen. Es ist wichtig, negative Gefühle dem behandelnden Hautarzt mitzuteilen. Wir an der Rudolfstiftung wissen wie es Menschen mit Acne inversa wirklich geht. Wenn man sich selbst nicht aus dem negativen Gedankenkarussell rausholen kann, soll man keine Scheu haben, das offen anzusprechen und Hilfe einzufordern.

Können auch weitere Hauterkrankungen mit der Acne inversa in Zusammenhang stehen?

Es gibt eine Gruppe an Hauterkrankungen, die einen ähnlichen Entstehungsmechanismus wie die Acne inversa haben. Dazu zählen die Akne vulgaris, Sinus pilonidalis (Steißbeinfistel) sowie eine Follikulitis, die den Kopf befällt (Haarbalgentzündung). In seltenen Fällen gibt es Acne inversa Patienten, die auch eine Psoriasis (Schuppenflechte) haben. Ein Gespräch mit dem behandelnden Hautarzt über Anzeichen oder Warnsignale ist auf alle Fälle der erste wichtige Schritt, um das Risiko für Begleiterkrankungen zu minimieren.

Die Acne inversa Spezialambulanz führt auch Forschungsprojekte durch, um neue Erkenntnisse über die Erkrankung zu gewinnen. Welche Forschungsprojekte laufen derzeit?

Dr. Wiala: An der Rudolfstiftung laufen derzeit einige Forschungsprojekte, um die Hintergründe der Acne inversa oder Verbindungen zu anderen Erkrankungen besser zu verstehen. So sind wir derzeit auf der Suche nach Patienten, die unter einer Acne inversa und Psoriasis leiden oder Angehörige mit Psoriasis haben. Ebenso versuchen wir mehr über die Genetik der Acne inversa zu erfahren, indem wir - bei Einwilligung - Speichelproben des Patienten sowie von nicht betroffenen Eltern entnehmen. Wir beobachten auch, dass es sehr viele unterschiedliche Ausprägungen der Erkrankung gibt. Kein Patient gleicht dem anderen. Dennoch gibt es einige Patiententypen, die mehr Ähnlichkeiten aufweisen als andere. Deshalb versuchen wir Patientengruppen zu definieren, um sie besser kennenzulernen. Ein weiteres wichtiges Forschungsprojekt widmet sich der digitalen Beobachtung und Dokumentation von Entzündungsarealen für eine bessere Überwachung des Behandlungserfolgs. Nur mit Hilfe dieser Forschungsprojekte können wir die Erkrankung noch besser verstehen lernen und geeignete Hebel finden – mit dem wichtigen Ziel mehr Wohlbefinden und eine höhere Zufriedenheit unserer Patienten zu erreichen.

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